Wenn es nach der Forschung geht, dann ist der alternde Mensch bald Geschichte. Daß das Alter jedoch wertvolle Qualitäten mit sich bringt und kein biologisches Verfallsdatum ist, wird ausgeblendet. Genauso wie die Tatsache, daß uns unser Körper selbst ein langes und gesundes Leben ermöglicht. Der Schlüssel dazu sind spezielle Proteine, die Sirtuine.
Alt sein – davon wollen wir heute möglichst wenig wissen. Das Idealbild, das uns die allgegenwärtigen Werbebilder vermitteln, sieht anders aus. Da stehen Menschen jenseits der 60 auf der gleichen Stufe mit 30-Jährigen und strotzen nur so vor Tatkraft. Natürlich nur, weil sie sich mit Faltenkillern wie Botox, Schönheitsoperationen und diversen anderen medizinischen Eingriffen selbst optimieren. Für die Forschung ist das Streben nach ewiger Jugend ein gefundenes Fressen. Derzeit wird mit Hochdruck daran gearbeitet, mit Hilfe gentechnischer Methoden (Genschere CRISPR-Cas9) in die Reparaturprozesse des menschlichen Organismus einzugreifen, um damit das biologische Altern endgültig abzuschaffen – so als ob es nicht seinen Sinn hat, wenn wir – auch optisch sichtbar – in die Jahre kommen.
Die Vordenker der Antike drehen sich angesichts derartiger Vorhaben vermutlich im Grabe um. Sie hatten, wenn es ums Alter geht, eine völlig andere Sicht der Dinge. „Der Geist des Auges fängt erst an, scharf zu sehen, wenn das Auge des Leibes seine Schärfe zu verlieren beginnt“, hat uns beispielsweise Platon (Symposion, 34, 219a) mit auf den Weg gegeben. Für Aristoteles wiederum war das Alter ein unvermeidlicher, natürlicher Teil des Lebens, in dem der Mensch die Früchte seiner Erfahrungen und Fehler ernten konnte. Der alternde Mensch, so sein Postulat, könne die so erworbene Weisheit erst im Alter richtig nutzen, um das höchste Gut, Eudaimonia (Glückseligkeit), zu erreichen.
Der 384 v. Chr. geborene Universalgelehrte riet dazu, das Alter zu akzeptieren, ohne den Lebensstil zu vernachlässigen. Eine ausgewogene Ernährung, maßvolle Lebensweise und geistige Aktivität waren seiner Ansicht nach entscheidend, um die Lebensqualität zu erhalten. Außerdem solle sich der Mensch nicht in Passivität verlieren, sondern aktiv bleiben – vor allem geistig. Denn dies fördere nicht nur körperliches, sondern auch seelisches Wohlbefinden. Aristoteles sah das Alter als eine Zeit an, in der der Mensch mehr über das Leben nachdenkt und eine Art „innere Harmonie“ erreicht, die sich nicht nur in der richtigen Entscheidung für das eigene Leben zeigt, sondern auch in der Fähigkeit, den richtigen Umgang mit anderen Menschen und der Gesellschaft zu pflegen.
