Relikte der Vergangenheit

Obwohl unser Körper ununterbrochen mit uns spricht, können viele Menschen die Signale nicht mehr richtig deuten – weil wir verlernt haben, zuzuhören. Stattdessen wird er mit Medikamenten zum Schweigen gebracht.

Wenn uns Menschen Gefahr droht, leistet der Körper umgehend Hilfe. In brenzligen Situationen greift – so wie bei unseren Vorfahren, der Kampf- und Fluchtreflex – eine sinnvolle Schutzfunktion unseres Körpers, die zunehmend zum Problem wird. Denn während der Reflex in früheren Zeiten nur auf einen kurzen Zeitraum (die Begegnung mit einem wilden Tier zum Beispiel) beschränkt war, ist er heute bei vielen Menschen dauerhaft aktiv. Nicht durch akute Gefahr, sondern durch permanenten, oft unterschwelligen Streß. Die Folge: Anstatt wie früher nach Vorbeiziehen der Gefahr wieder abzusinken, bleibt das Streßhormon Cortisol dauerhaft erhöht.

Wir erhalten also deutliche Signale, wenn wir dauerhaft gegen unseren Körper arbeiten. Doch anstatt genau hinzuhören, werden die natürlichen Schutzfunktionen immer wieder aufs Neue aktiviert und überreizt. Schon eine banale Alltagssituation wie die Auseinandersetzung mit Kollegen aktiviert den natürlichen Kampf- und Fluchtreflex. Innerhalb von Sekunden werden die Streßhormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol freigesetzt; Puls und Blutdruck steigen, um die Muskeln mit Sauerstoff und Energie zu versorgen. Kurzfristig ist das eine hilfreiche Funktion. Doch die bereitgestellte Energie wird heute nur selten tatsächlich verbraucht. Statt zu kämpfen oder zu fliehen, bleiben wir in den meisten Fällen sitzen: bei der Besprechung mit Kollegen, im Auto oder vor dem Bildschirm.

Der Körper läuft dabei auf Hochtouren, ohne sein Programm beenden zu können. Zusätzlicher Druck im Beruf, Beziehungsprobleme, finanzielle Sorgen, Überforderung durch digitale Medien, permanente Erreichbarkeit und vieles mehr verstärken diesen Zustand, so daß der Körper nicht mehr in den Ruhezustand zurückfindet. Eine Reaktion, die als Schutz gedacht ist, kippt damit unter Dauerbelastung ins Gegenteil.