Und der Mensch ist für den Wolf kein Beutegut. „Gesunde Wölfe, die nicht provoziert oder angefüttert werden, stellen für den Menschen in der Regel keine Gefahr dar“, beruhigen Naturschutzverbände wie der Nabu [3]. Schlagzeilen wie jene, nach der ein junger Wolf vor kurzem in Hamburg einer Frau ins Gesicht gebissen haben soll, erwiesen sich im Nachhinein als zweifelhaft. Es seien „viele Vermutungen im Spiel“, räumte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) einige Tage nach dem Vorfall ein; möglicherweise habe die Frau, die den Wolf wohl für einen Hund hielt, lediglich einen Hieb mit der Pfote abbekommen [4]. Doch mit dem Wolf läßt sich eben nach wie vor Angst schüren. Auch Überfälle auf Weidetiere sind ein Thema, das die Öffentlichkeit gegen den seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland fast ausgerotteten Canis lupus aufbringt. Mit gezielten Herdenschutzmaßnahmen wie Hunden und Zäunen, so argumentieren Naturschützer, ließe sich auch dieses Problem in den Griff bekommen – man muß es nur wollen.
In Südeuropa zeigt man uns, wie ein respektvolles und angstfreies Zusammenleben aussehen kann. So ist beispielsweise in der toskanischen Provinz Grosseto die Zahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere durch den kombinierten Einsatz von Elektrozäunen und Herdenschutzhunden um 47 Prozent gesunken, die Zahl der getöteten Tiere ging um die Hälfte zurück [5]. Denn der entscheidende Faktor für den gedeihlichen Umgang mit dem Wolf ist das Wissen. In Spanien etwa, wo Wölfe nie verschwunden waren, haben Hirten ihr überliefertes Wissen über Generationen bewahrt und gezeigt, daß durch Maßnahmen wie Mastiff-Hunde und aktive Hirtenarbeit die Koexistenz von Weidewirtschaft und Wölfen problemlos möglich ist [6]. In Regionen dagegen, in denen der Wolf ausgerottet wurde und nun zurückkehrt, ist dieses Wissen verschwunden – was zu weniger Akzeptanz und mehr Konflikten führt. Nicht, weil der Wolf gefährlicher geworden wäre, sondern weil der Mensch verlernt hat, mit ihm zu leben und ihm mit Angst statt mit Respekt begegnet. Der Wolf ist damit nur das deutlichste Symptom jener „Biophobie“, die uns die Natur insgesamt zum Feind hat werden lassen. Ob die Jagd auf den Wolf vor diesem Hintergrund eine kluge Entscheidung ist, mag jeder selbst beurteilen.
Viel Freude beim Lesen der aktuellen Ausgabe wünscht
Ihr Dr. Georgios Pandalis
