Die Ursache ist weg, der Schmerz bleibt trotzdem

Wissenschaftlich betrachtet beginnt Schmerz, wenn Reize, die potentiell schädigend für das Gewebe sind, im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) verarbeitet und als Schmerz bewußt wahrgenommen werden. Solche Reize wie etwa Hitze, Druck oder chemische Substanzen aktivieren spezialisierte sensorische Nervenendigungen (Nozizeptoren). Diese Rezeptoren wandeln Reize in elektrische Signale um, die über das periphere Nervensystem (Teil des Nervensystems, der sich außerhalb des Gehirns und Rückenmarks befindet) zum zentralen Nervensystem weitergeleitet werden. Im Gehirn werden die Signale in verschiedenen Schaltstellen, die ein ganzes Netzwerk bilden, verarbeitet und bewertet und danach als „Schmerz“ ausgesendet. Als Vermittler dieser Signale dienen Neurotransmitter. Sie übertragen die Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten. Diese Botenstoffe vermitteln die Signalweiterleitung zwischen Nervenzellen. Sie können die Schmerzverarbeitung verstärken (z. B. Glutamat, Substanz P) oder vorwiegend hemmend wirken (z. B. Endorphine, GABA, Serotonin). Diese Modulation durch Botenstoffe beeinflußt, wie stark Schmerz empfunden wird.
Chronische Schmerzen, also ein Schmerzzustand, der in der Regel länger als drei Monate andauert, hängen meist nicht mit einem akuten Gewebeschaden zusammen. Hier wird der Schmerz zu einer eigenständigen Erkrankung und verliert seine eigentliche Schutzfunktion. Dazu kommt: Wiederholte Reize, die im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen auftreten können, verändern die Schmerzverarbeitung in Rückenmark und Gehirn; es entsteht ein sogenanntes „Schmerzgedächtnis“. Dann sind selbst harmlose Berührungen plötzlich schmerzhaft, und Schmerzen werden als intensiver empfunden. Die eigentliche Ursache kann verschwunden sein, der Schmerz aber ist geblieben [4].

Wie fast jeder aus Erfahrung weiß, ist das Schmerzempfinden von Mensch zu Mensch jedoch höchst unterschiedlich. Wie stark ein Mensch den Schmerz dann empfindet, hängt von vielen Faktoren ab. Eine Rolle spielt unter anderem das Geschlecht. So ist die Schmerzschwelle bei Frauen aufgrund der Hormone Östrogen und Progesteron tendenziell niedriger als bei Männern (Testosteron dämpft Schmerzreize). Das betrifft vor allem Frauen in den Wechseljahren, die durch den sinkenden Östrogenspiegel oft eine größere Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen haben. Auf der anderen Seite erzeugen die Hormone bei Frauen in der Schwangerschaft den gegenteiligen Effekt. Hier führen die hormonellen Veränderungen zu einem Anstieg der Endorphine und anderer schmerzlindernder Substanzen, die die Schmerzen während der Geburt erträglicher machen.

Auch am Körper fühlt sich Schmerz nicht überall gleich an. Der Grund: Die Schmerzrezeptoren sind unterschiedlich dicht verteilt. Lippen, Zunge, Fingerspitzen oder Genitalien sind empfindlicher als andere Körperregionen, weil hier besonders viele Rezeptoren angesiedelt sind. Darüber hinaus beeinflussen auch Faktoren wie chronischer Streß das Schmerzempfinden, weil durch die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen- Nebennieren-Achse vermehrt Cortisol ausgeschüttet wird. Obwohl Cortisol kurzfristig schmerzlindernd wirken kann, kann eine dauerhaft erhöhte Cortisol- Konzentration die Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem verändern. Dies kann paradoxerweise zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit oder einer verzerrten Schmerzwahrnehmung führen [5].

„Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen. Unter seinem Hauche entfalten sich die Seelen“
(Marie von Ebner-Eschenbach)