Wozu noch ein Gehirn?

Ist Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) schuld daran, daß die Menschheit nun vor einem Scheideweg steht? Immerhin hat der griechische Universalgelehrte als einer der ersten den Versuch unternommen, das menschliche Denken zu systematisieren und zu erklären, betrachtete es jedoch noch nicht als maschinellen Prozeß. Die Grundlage für das maschinelle Erzeugen künstlicher Intelligenz außerhalb des Körpers wurde erst von René Descartes (1596 – 1650) mit seinem Maschinenmodell des menschlichen Organismus (l‘homme machine) gelegt, das auch die anthropomorphen Automaten des 17. und 18. Jahrhunderts inspirierte. Heute ist das, was einst nur Theorie war, Realität: Künstliche Intelligenz erobert unseren Alltag und droht, den Menschen als denkendes Wesen entbehrlich zu machen.

Wie weit das gehen kann, zeigt das Beispiel Albanien. Den Ministerposten für öffentliche Aufträge besetzt dort nicht mehr ein Mensch, sondern eine KI-Anwendung namens „Diella“ („Sonne“ oder „Sonnenschein“), die als vermeintlich unbestechliche Instanz Korruption bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bekämpfen soll [1]. Was vor Jahren noch als utopisch galt, wird uns heute als gute Idee verkauft – schließlich ist der Ruf der politischen Klasse in vielen Ländern dieser Welt reichlich ramponiert. Wer noch selbst denkt, kann dahinter ein Muster entdecken, das in Politik und Wirtschaft gerne angewendet wird, um etwaige Widerstände im Keim zu ersticken: erst ein Problem schaffen – in diesem Fall durch zunehmend korrupte Politiker, deren Handeln nicht mehr sanktioniert wird; und dann die Lösung präsentieren. In Form einer über alle Zweifel erhabenen KI.

Nach diesem Rezept soll jetzt auch die medizinische Behandlung umgekrempelt werden. Das Gesundheitssystem ist zu teuer, Termine bei Ärzten rar, Patienten verärgert und frustriert – bevor man versucht, die Mißstände ernsthaft zu beseitigen, soll auch hier die KI den Karren aus dem Dreck ziehen. Für eine Krebsvorsorgeuntersuchung beim Hautarzt monatelang warten? Da kann nun auch die Drogeriemarkt-Kette dm helfen, die seit kurzem in ausgewählten Filialen KI-gestützte Haut- oder Blutanalysen anbietet [2]. Diese werden zwar mit einer ärztlichen Beratung verknüpft, doch irgendwann geht es sicher auch ohne. Damit nicht genug. Zusammen mit Wissenschaftlern des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) kürzlich ein KI-Modell vorgestellt, das vorhersagen soll, wie hoch das Risiko eines Probanden ist, eines Tages an einer bestimmten Krankheit zu leiden [3].