Das miese Spiel mit dem Verlangen

Heißhunger auf Schokolade oder unkontrollierter Kaffeekonsum sind keine Charakterfehler, sondern das Ergebnis eines manipulierten Regelkreises. Denn skrupellose Akteure, vor allem aus der Nahrungsmittelindustrie, nutzen das Wissen über unseren Körper schamlos aus. Wer das erkennt, kann gegensteuern – und den Manipulatoren die Kontrolle entreißen.

Es kann gar nicht oft genug gesagt werden: Unser Organismus ist ein Gesamtkunstwerk, bei dem ein Rädchen ins andere greift. Regelkreise sind dafür das beste Beispiel. Ob Atmung, Blutzuckerspiegel oder Blutdruck – dahinter steckt ein sorgfältig austariertes Gefüge körpereigener Prozesse, das sehr empfindlich auf dauerhafte Eingriffe und Störungen reagiert. In unserer heutigen Welt sind diese Angriffe auf unsere Regelkreise jedoch eher das Übliche als die Ausnahme. Besonders deutlich registrieren wir diese schädlichen Einflüsse im Belohnungssystem, das eng mit der Darm-Hirn-Achse verzahnt ist. Ursprünglich diente es dazu, uns zur Wiederholung lebenswichtiger Verhaltensweisen zu motivieren, etwa zu essen, zu trinken oder soziale Nähe zu suchen.

Das Belohnungssystem gehört zu den neuroendokrinen Regelkreisen, also zu den Regelkreisen, bei denen Nervenund Hormonsystem zusammenspielen. Spürbar wird seine Wirkung immer dann, wenn wir beispielsweise etwas Schmackhaftes essen, gute Musik hören oder menschliche Nähe verspüren. Im Mittelpunkt steht dabei der Nucleus accumbens, eine kleine Kernstruktur im Gehirn als eine zentrale Schaltstelle des Belohnungssystems. Bei einer angenehmen Erfahrung schütten Nervenzellen im Mittelhirn Dopamin in den Nucleus accumbens aus. Dopamin ist ein zentraler Neurotransmitter dieses Systems und erzeugt bei positiven Reizen ein Gefühl von Motivation. Dem Gehirn wird signalisiert: „Das war gut, das wiederholen wir.“ Doch damit das System nicht außer Kontrolle gerät, besitzt es eine eingebaute Bremse. Eine wichtige Rolle spielt dabei Serotonin: Der Botenstoff wirkt regulierend auf das Belohnungssystem, kann impulsives Verhalten hemmen und trägt dazu bei, die Wirkung des Dopamins auszugleichen. Das Belohnungssystem benötigt also keinen aktiven Befehl zum Abschalten; es kehrt durch eingebaute Rückkopplungsschleifen automatisch in den Ruhezustand zurück. Erst das Zusammenspiel von Dopamin und Serotonin entscheidet darüber, ob eine Erfahrung als belohnend gespeichert wird [1].