Um zu verstehen, warum unser Belohnungssystem heute so leicht aus der Balance gerät, lohnt sich ein Blick zurück. Das Belohnungssystem ist ein präzises Überlebenswerkzeug für eine Welt, in der uns Nahrungs- und Genußmittel noch nicht im Überfluß zur Verfügung standen. Auf das Finden der Nahrung und die Belohnung (durch einen Dopaminstoß) folgte früher die erneute Suche – das alles gab dem System Zeit, sich wieder zu erholen und für neue, moderate Reize empfänglich zu werden [2]. Außerdem reagiert der Regelkreis des Belohnungssystems nicht allein auf die Belohnung an sich, sondern auf die Abweichung zwischen Erwartung und tatsächlichem Ergebnis. Besonders stark reagiert das Belohnungssystem, wenn eine Belohnung unsere Erwartungen übertrifft oder unerwartet eintritt.
Genau dieses fein austarierte Zusammenspiel gerät jedoch aus dem Takt, wenn auf unser Belohnungssystem dauerhaft zu starke Reize einwirken. Denn um das System zu schützen, werden die Dopamin-Rezeptoren heruntergefahren; ihre Anzahl und Empfindlichkeit nehmen ab. Gleichzeitig verliert auch Serotonin als natürliche Bremse seine Wirkung. Die Folge ist ein biologischer Gewöhnungseffekt. Um überhaupt noch das Gefühl von Motivation und Belohnung zu spüren, brauchen wir eine immer höhere Reizdosis [3]. Jedes Laster, dem wiederholt nachgegeben wird, ob es das Rauchen ist oder der Verzehr von Süßigkeiten, löst diesen Mechanismus aus – allerdings mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Bei Schokolade beispielsweise dauert es eine Weile, bis das System aus der Balance gerät. Wird nur gelegentlich genascht, kann es sich wieder erholen. Erst wenn der Schokoladen-Konsum zum täglichen Ritual wird, fahren die Dopamin-Rezeptoren im Nucleus accumbens herunter und ein Stück Schokolade reicht dann nicht mehr aus, um das gleiche Wohlgefühl.
Beim Rauchen dagegen ist die Wirkung auf das Belohnungssystem direkter und aggressiver. Nikotin löst eine sofortige, starke Dopaminausschüttung aus – schneller und intensiver als ein Nahrungsmittel es je könnte. Es reichen also schon wenige Zigaretten, um den Regelkreis des Belohnungssystems aus der Balance zu bringen und ein stetiges Verlangen nach Nikotin zu provozieren. Ein Verlangen entsteht, das weit über eine bewußte Entscheidung hinausgeht.
