Wird Handy-Sucht jetzt staatlich gefördert?

Sieht unsere Zukunft also so aus, daß wir unser gesamtes Leben, unsere Gesundheit eingeschlossen, von digitalen Endgeräten abhängig machen? Falls ja, ist das an Absurdität kaum zu überbieten: Auf der einen Seite werden wir aufgefordert, unsere Handynutzung zu reduzieren. Auf der anderen Seite forciert das Bundesgesundheitsministerium digitale Anwendungen, die genau das Gegenteil bewirken. Neben der Frage, was mit den sensiblen Gesundheitsdaten passiert, die arglose Nutzer ihrer App anvertrauen, empört sich kaum jemand über „Gesundheitsanwendungen“ wie „HelloBetter“, eine App, die prädestiniert ist, Menschen in ihren Bann zu ziehen und nicht mehr loszulassen. Anstatt einem Arzt oder Therapeuten gegenüberzusitzen, sollen psychische Beschwerden jetzt mit diesem Online-Therapieprogramm, inklusive Rundum- die-Uhr-Betreuung durch KI, geklärt werden.

Die Gefahren liegen auf der Hand. Wer bei jedem Problem zum Handy greift und darauf geeicht wird, einem virtuellen Angebot blind zu vertrauen, gerät schnell in eine Spirale der Abhängigkeit. Denn was Nahrungsmittelkonzerne perfektioniert haben – die gezielte Steuerung unseres Verlangens (siehe aktuelles Thema) – funktioniert mit den Angeboten der Digital-Industrie mindestens genauso gut. Jedesmal, wenn die App den Nutzer mit einem grünen Häkchen belohnt oder sanft daran „erinnert“, dranzubleiben, bedient sie jenen Mechanismus, der uns ohnehin schon an Bildschirme bindet. Das ist kein Zufall, sondern Konzept: Mehr als drei Viertel aller mobilen Gesundheits-Apps beinhalten mittlerweile genau diese Funktionen [3]. Aus einer Behandlung wird so ein Teufelskreis. Und das alles gekennzeichnet als „Therapie“, geprüft vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das digitale Gesundheitsanwendungen genauso wie Hörgeräte oder Rollstühle als Medizinprodukt ausweist und damit verschreibungsfähig macht.