Zucker und Fett tricksen das Gehirn aus

Die Industrie nutzt das Wissen über diese Mechanismen unseres Körpers schamlos aus. Farbe, Geruch, Beschaffenheit (knusprig!) eines Nahrungsoder Konsummittels erzeugen eine hohe Erwartung und einen Dopaminreiz. Von der hochverarbeiteten Industrieware werden wir aber nicht satt – und genau das ist das Ziel. Denn der Drang, weiter zu essen, bleibt bestehen. Nicht, weil wir es wollen, sondern weil der Regelkreis, in diesem Fall das Belohnungssystem, gezielt manipuliert wird. Besonders gravierend sind die Auswirkungen bei der Kombination von Zucker und Fett. Da diese beiden Stoffe, ebenso wie Salz und Fett, in der Natur selten gemeinsam vorkommen, hat unser Gehirn dafür auch keine evolutionäre Schranke entwickelt. Tierstudien sowie Studien unter Einsatz funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen jedoch, daß die Kombination von Zucker und Fett eine deutlich stärkere Dopaminausschüttung auslöst als jeder Reiz für sich [4]. Hinzu kommt: Der enthaltene Zucker läßt über die Ausschüttung von Insulin kurzfristig mehr Serotonin ins Gehirn gelangen – nach diesem kurzen Hoch sinkt der Spiegel jedoch schnell wieder ab. Genau dieses Auf und Ab befeuert dann das Verlangen nach dem nächsten Stück. Das Ergebnis sind Heißhunger-Attacken und im Extremfall ein suchtähnliches Eßverhalten – verursacht durch eine Veränderung der neurobiologischen Grundlagen. Wir müssen also nicht zu einem bestimmten Verhalten gezwungen werden. Die Manipulation der Regelkreise führt dazu, daß wir gar nicht anders können.

Das gilt auch für andere Errungenschaften der Moderne wie soziale Medien. Keiner unserer Vorfahren hat jemals in dem Ausmaß wie heute darauf gewartet, daß sein Antlitz von anderen mit „Gefällt mir“ oder anderen Lobhudeleien bewertet wird. Jedes Lob ist jedoch ein künstlicher Dopaminreiz, hochfrequent, jederzeit verfügbar und ohne den natürlichen Sättigungsmechanismus echter sozialer Anerkennung. Wer sich darüber hinaus an sein computerbearbeitetes, makellos geglättetes Antlitz gewöhnt hat, empfindet das reale Spiegelbild schnell als Zumutung. Eine aktuelle Studie der DAK Rheinland- Pfalz deutet an, wohin die Entwicklung vor allem bei jungen Mädchen führen kann: Psychische Probleme wie Angstund Eßstörungen oder Depressionen sind demnach bei 15- bis 17jährigen Mädchen weiter auf dem Vormarsch [5] – auch deshalb, weil soziale Netzwerke Wirkung zeigen und ein Regelkreis von gewissenlosen und profitgierigen Digitalkonzernen gezielt von außen verschoben wird.